Liselotte Papa, bitte komm nicht mehr zu uns. Immer wenn du gehst, fängt Mama an zu weinen, und das weint sie bis zum Morgengrauen. Ich schlafe, wache, schlafe wieder und wenn ich aufwache, weint sie immer noch. Ich frage sie: Mama, warum weinst du? Wegen Papa? Und sie meint, sie weine nicht, sie schnupfe nur, weil sie eine Erkältung hat. Aber ich bin jetzt schon groß genug, um zu wissen, dass bei einer Erkältung die Tränen nicht so laut klingen.
Im Café am Dom in Köln sitzen Vater Thomas und seine Tochter Liselotte an einem kleinen Tisch. Er rührt mit einem winzigen Löffel in einem schon leicht abgekühlten Espresso, der in einer mikroskopisch kleinen weißen Tasse steht. Liselotte hat das Eis, das vor ihr in einer Schale steht, noch nicht angerührt es ist ein Kunstwerk: bunte Kugeln, bedeckt von einem grünen Blatt und einer Kirsche, alles mit Schokolade überzogen. Jedes sechsjährige Mädchen würde bei so einem Anblick sofort zugreifen, doch Liselotte nicht. Sie hat sich schon letzten Freitag ja, letzten Freitag fest vorgenommen, ein ernstes Gespräch mit ihrem Papa zu führen.
Thomas schweigt lange, dann bricht er schließlich das Schweigen:
Was sollen wir jetzt machen, mein Kind? Soll ich dich gar nicht mehr sehen? Wie soll ich dann weiterleben?
Liselotte zuckt die feine, fast schon kartoffelige Nase, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, überlegt kurz und sagt dann:
Nein, Papa. Ich schaffe das auch nicht ohne dich. Lass uns das so machen: Ruf Mama an und sag ihr, dass du jeden Freitag nach dem Kindergarten zu mir kommst. Dann können wir zusammen spazieren gehen, und wenn du Lust auf einen Kaffee oder ein Eis hast, können wir im Café bleiben. Ich erzähle dir dann alles, was bei Mama und mir so läuft.
Sie überlegt noch einen Moment, dann fügt sie hinzu:
Und wenn du Mama sehen willst, nehme ich jede Woche ein Foto von ihr mit meinem Handy und zeig dir das. Okay?
Thomas schaut seine kluge Tochter nur an, lächelt ein wenig und nickt:
Einverstanden, so machen wir es.
Liselotte atmet erleichtert aus, greift nach ihrem Eis und fängt an zu lutschen. Doch das Gespräch ist noch nicht zu Ende, sie muss noch das Wichtigste sagen. Während sie die bunten Zuckerstreusel von ihrer Nase leckt, richtet sie sich wieder, fast erwachsen, fast wie eine Frau, die sich um ihren Mann kümmert und der Mann ist schon etwas älter: Thomas hatte letzte Woche Geburtstag. Liselotte hatte im Kindergarten eine Karte für ihn gemalt und die große 28 kunstvoll ausgemalt.
Ihr Gesicht wird ernst, die Augenbrauen ziehen sich zusammen und sie sagt:
Ich glaube, du solltest heiraten.
Und sie lügt großzügig dazu:
Denn du bist ja noch nicht zu alt.
Thomas schätzt die gute Absicht seiner Tochter und schnauft:
Du sagst also nicht zu alt
Liselotte fährt begeistert fort:
Ganz klar, nicht zu alt! Schau, Onkel Klaus, der schon zweimal zu Mama kam, ist schon ein bisschen kahl. Und hier
Sie zeigt auf ihre Stirn, streicht über ihre sanften Locken. Dann macht sie so, als hätte sie etwas verstanden, als ihr Vater sie streng ansieht, als hätte sie ein Familiengeheimnis ausplaudern lassen. Ihre Hände gehen zu den Lippen, die Augen weiten sich, als wollte sie Schock und Verwirrung ausdrücken.
Onkel Klaus? Welcher Onkel Klaus soll das denn sein? Der Chef von Mama? ruft Thomas fast laut durch das ganze Café.
Ich weiß es nicht, Papa stammelt Liselotte, ein wenig überfordert von seiner lauten Reaktion. Vielleicht ist er ja ihr Chef. Er bringt mir Süßigkeiten, einen Kuchen für uns alle und Sie überlegt, ob sie ihrer Mutter noch Blumen überreichen soll, obwohl ihr Vater das jetzt gerade nicht besonders gut verträgt.
Thomas faltet die Hände, die auf dem Tisch liegen, starrt sie lange an. Liselotte spürt, dass ihr Vater gerade eine ganz wichtige Entscheidung für sein Leben trifft. Sie wartet, drängt ihn nicht, weil sie schon weiß besser noch ahnt dass Männer manchmal etwas träge sind und ein bisschen Anstoß nötig haben. Und wer soll doch diesen Anstoß geben, wenn nicht die Frau, die für ihn das Wichtigste ist?
Thomas schweigt weiter, bis er schließlich laut durchatmet, seine Finger lockert und den Kopf hebt. Er spricht und wenn Liselotte ein bisschen älter wäre, würde sie den Ton erkennen, mit dem Othello Desdemona einst gefragt hat. Aber sie kennt Othello nicht, kennt keine großen Liebesgeschichten, sie sammelt einfach Erfahrungen im Alltag, sieht Menschen lachen, sich über Kleinigkeiten quälen.
Er sagt:
Komm, mein Mädchen. Es wird schon spät, ich bringe dich nach Hause und rede dann mit Mama.
Liselotte fragt nicht, was er mit Mama besprechen will, aber sie fühlt, dass es wichtig ist. Sie schlingt das Eis schnell zu Ende, wirft den Löffel auf den Tisch, rutscht vom Stuhl, wischt sich die Lippen mit dem Handrücken ab, schnupft und sagt mit festem Blick zu ihrem Vater:
Ich bin bereit. Los.
Sie laufen nicht, sie sprinten eigentlich läuft Thomas, doch er hält Liselottes Hand fest, sodass sie fast wie ein Fahnenstabe im Sturm wirkt, ganz wie der junge Prinz Friedrich Wilhelm, der einst sein Schwert im Gefecht schwang.
Als sie das Treppenhaus erreichen, schließen sich die Aufzugstüren langsam und lassen einen Nachbarn nach oben fahren. Thomas blickt leicht verwirrt zu Liselotte, sie schaut entschlossen von unten nach oben und fragt:
Na, was jetzt? Wer wartet noch? Wir stehen ja erst im siebten Stock.
Thomas hebt seine Tochter hoch und rennt die Treppe hinauf. Als die Tür zur Wohnung endlich aufgestoßen wird, schiebt sich die Mutter, Sabine, herein, und Thomas beginnt sofort:
Du kannst das nicht einfach so machen! Wer ist dieser Klaus? Ich liebe dich doch, und wir haben Liselotte
Er schlingt sie beide fest in seine Arme, und Liselotte legt ihre Hände um ihre Schultern, schließt die Augen, weil die Erwachsenen sich jetzt küssten.







