— Tochter, wir haben beschlossen, dein Auto zu verkaufen, dein Bruder hat Probleme, und du kannst auch mal zu Fuß gehen — doch die Eltern hatten nicht mit der Antwort ihrer Tochter gerechnet.

Mädchen, wir haben beschlossen, dein Auto zu verkaufen dein Bruder steckt wieder in Schwierigkeiten und du läufst ja schon fast überall zu Fuß, sagte ihre Mutter, und die Eltern hatten keine Ahnung, wie die Tochter reagieren würde.

Annika stand am Fenster ihrer Mietwohnung in Berlin und sah zu, wie der Regen den Oktoberabend in ein verschwommenes Aquarell verwandelte. Dreißig war das Alter, in dem man keine Wunder mehr erwartet, aber sich noch an die Erinnerung an deren Glanz klammert. Sie arbeitete in einer Beratungsfirma, verdiente gut, wohnte in einer geräumigen Wohnung im schicken PrenzlauerBerg. Das Leben war vorhersehbar und gemütlich.

Ein Vibrieren aus dem Hintergrund: das Handy. Nummer ihrer Mutter. Annika seufzte, drehte die Lautstärke des Fernsehers runter und nahm ab.

Anna, mein Schatz du bist zu Hause? klang die Stimme ihrer Mutter besorgt.

Ja, Mama. Was gibts?

Wir kommen gleich zu dir. Wir müssen reden.

Annika spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Wenn die Eltern zu einem Gespräch kamen, bedeutete das immer neue Probleme mit ihrem Bruder Timo. Der 25jährige Zwilling schien ein Talent dafür zu haben, Ärger anzuziehen.

Eine halbe Stunde später saßen sie alle am Küchentisch. Der Vater, Klaus, starrte schweigend auf seine Hände, die Mutter, Ursula, knetete nervös den Griff ihrer Handtasche.

Weißt du etwas von Timo? begann die Mutter.

Was genau? Annika antwortete vorsichtig besser nicht zuviel zu spekulieren.

Er er hat sich in etwas verstrickt. Erinnerst du dich, wir haben ihm das Geld vom Verkauf der Hütte gegeben? Er hat sich ein Motorrad gekauft

Mama, das haben wir schon besprochen. Ich habe ihm geraten, das Geld lieber anzulegen, anstatt es sofort auszugeben, sagte Annika.

Er hat versprochen!, klang fast kindisch in Ursulas Stimme. Er wollte eine Wohnung, heiraten und dann

Stattdessen hat er in Bars Geld verbrannt, Lena hat ihn verlassen und das Motorrad gekauft, um seine seelische Wunde zu heilen, fuhr Annika fort, fast sarkastisch. Richtig geraten?

Vater Klaus hob endlich den Blick.

Er hat mit seinem Wagen auf dem Parkplatz kollidiert. Ein teurer Wagen. Einen Porsche.

Hat er eine Versicherung?

Nein, murmelte die Mutter. Du weißt doch, er dachte immer, ihm passiert nichts.

Annika goss sich einen Tee ein, versuchte, ihre Gereiztheit zu verbergen. Timo glaubte stets, er sei unverwundbar, weil die Eltern ihm immer aus der Patsche geholfen hatten.

Wie viel kostet das?

Dreihunderttausend Euro, seufzte Ursula. Der Besitzer will in Raten, aber wir müssen sofort die Hälfte zahlen, sonst holt er das Geld über den Gerichtsvollzieher.

Annika nickte. Alles logisch. Jetzt kam der eigentliche Spaß.

Anna, mein Schatz, ergriff die Mutter Annikas Hand, wir wollen dein Auto verkaufen.

Mein Auto?

Formal steht es ja auf Papas Namen, korrigierte sie hastig. Wir haben es dir geschenkt, als wir die Hütte verkauft haben. Aber Timo hat jetzt Probleme und du läufst schon wieder zu Fuß. Du bist jung, gesund.

Annika ließ die Hand los.

Ich bin nicht einverstanden.

Kind, das ist doch Familie, erhöhte Ursula die Stimme. Timo ist dein Bruder! Er quält sich, schläft kaum, hat abgenommen!

Mama, hat er nicht wenigstens versucht zu arbeiten? Oder zumindest bei der Agentur für Arbeit anzurufen?

Anna, welchen Job bekommt man in einer Woche?, sah die Mutter verwirrt. Er kann doch nicht sofort so viel verdienen!

Aber ich könnte das Auto in einer Woche verlieren?

Vater Klaus sprach endlich, seine Stimme leise, aber bestimmt.

Anna, wir haben das bereits entschieden. Deine Meinung zählt jetzt nicht. Das Auto steht auf meinen Namen, ich verkaufe es, wann immer ich will. Ich will nicht mit dir streiten, aber es gibt keine Wahl.

Annika blickte auf ihren Vater, den Mann, der ihr das Radfahren beigebracht, ihr abends Märchen vorgelesen und stolz auf ihre Studienleistungen war. Jetzt sagte er, ihr Urteil sei wertlos.

Papa, sagte sie langsam, was passiert beim nächsten Mal, wenn Timo wieder in Schwierigkeiten gerät?

Es wird kein nächstes Mal geben, sagte Ursula schlagartig. Er hat versprochen, nie wieder zu wetten, nie wieder

Mama, er hat das schon fünfmal versprochen.

Anna, bitte!, brach die Mutter in Tränen aus. Er ist doch dein Bruder! Wie kannst du so hart sein?

Annika ging zum Fenster, der Regen wurde stärker. Sie dachte an den Moment vor einem halben Jahr, als Timo um zwanzigtausend Euro bat für das Dringendste und sie das Geld gab. Er hatte es für neue Sneaker und ein Restaurant mit Freunden ausgegeben.

Wisst ihr was, wandte sie sich zu den Eltern, ich habe das Auto schon vor einem Monat auf meinen Namen umgeschrieben.

Stille. Mutter hörte auf zu weinen, Vater hob die Augen.

Wie bitte?

Ganz einfach. Ich hatte eine Vollmacht von Papa, als wir die Hütte verkauften. Ich habe den Schenkungsvertrag gefälscht und das Auto auf mich umgeschrieben. Ich wusste, dass es früher oder später verkauft werden muss, um Timo zu retten.

Du hast du Dokumente gefälscht? staunte Klaus.

Ja. Und wisst ihr was? Ich bereue es nicht. Ich habe es satt, immer Timos Fehltritte aufzuheben.

Mutter hielt sich die Hand ans Herz.

Anna, wie kannst du! Wir sind doch Familie!

Genau deswegen tue ich das, sagte Annika und setzte sich wieder. Ihr helft Timo nicht, ihr macht ihn zum Dauerpatienten. Mit 25 kann er keine einzige Sache allein lösen, weil er weiß: Die Eltern finden immer einen Ausweg.

Aber er wird doch im Gefängnis landen!, schrie Ursula. Sie holen ihn!

Für Schulden wird man nicht ins Gefängnis gesteckt. Höchstens verliert man die Fahrerlaubnis, und er fährt ja sowieso nie. Dann wird er endlich merken, dass Handlungen Konsequenzen haben.

Vater Klaus schwieg, starrte auf den Tisch. Annika sah, wie er mit sich selbst rang.

Anna, flüsterte er schließlich, bitte verkauf das Auto. Wir kaufen dir später ein neues.

Wann später? Wenn Timo das nächste Mal in die Klemme kommt?

Niemals!

Er wird wieder in die Klemme gehen, Papa. Er kann das nicht anders.

Also gib ihm kein Geld. Sieh ihn an 25, lebt bei uns, arbeitet nicht, setzt das letzte Geld aufs Glücksspiel. Ihr seht das nicht.

Er hat einfach noch nicht gefunden, wer er ist, murmelte Ursula unsicher.

Mit 25 sollte man das doch schon tun. Oder zumindest suchen.

Die Eltern gingen, ohne etwas zu erreichen. Annika blieb allein in der Küche, trank kalten Tee. Das Telefon war still offensichtlich waren sie zu Timo gefahren, um schlechte Neuigkeiten zu überbringen.

Eine Stunde später klingelte ihr Bruder.

Anna, hast du den Verstand verloren?, knurrte er, wütend. Weißt du, was du anrichtest?

Ich verstehe, Timo. Zum ersten Mal seit langem verstehe ich.

Sie können mich doch nicht ins Gefängnis bringen!

Für Geldschulden wird nicht eingesperrt.

Anna, bitte! Das ist ein ernsthafter Typ! Woher soll ich das Geld nehmen?

Wie alle anderen auch aus einem Job.

Welcher Job? Wer braucht mich?

Timo, du kannst Auto fahren, mit Menschen reden, hast Hände und Verstand. Du findest einen Job.

In einer Woche?

Vielleicht. Oder du verhandelst mit dem PorscheBesitzer eine längere Ratenzahlung. Erwachsene geben gern nach, wenn sie sehen, dass du dich anstrengst.

Anna, wurde seine Stimme leiser, warum bist du so gemein? Das könnte jedem passieren!

Nicht jedem. Nur jemandem, der nicht einmal die Versicherung für sein Auto zahlen wollte.

Er legte auf.

Die folgenden Monate waren hart. Die Eltern riefen kaum. Wenn Annika zu Besuch kam, war die Stimmung immer bedrückend. Über Timo wurde nicht viel gesprochen, doch seine Abwesenheit lag in jedem Wort.

Aus Gesprächsfetzen erfuhr Annika, dass ihr Bruder endlich eine Arbeit suchte. Zuerst wollte er als Kurier, Fahrer oder Stapler arbeiten. Dann landete er in einer Autowerkstatt Autos waschen, Werkzeuge reichen. Der Lohn war karg, aber es war ein Anfang.

Der Werkstattbesitzer, ein verständnisvoller Mann, erkannte Timos Ehrgeiz und stimmte einer Ratenzahlung für den beschädigten Lexus zu. Timo zog in eine WG mit zwei Mitbewohnern. Die Eltern halfen beim Kaution, aber kein weiteres Geld Annika hatte darauf bestanden.

Mama, wenn ihr ihm Geld gebt, wirft er den Job sofort weg, sagte sie bei einem seltenen Besuch. Er muss lernen, sich selbst zu tragen.

Aber er isst nur Brei, jammerte Ursula. Er ist bleich und dünn.

Dann findet er einen besseren Job. Oder einen Nebenverdienst.

Ein paar Monate später fand Timo einen Nebenjob. Abends zerlegte er alte Autos, sammelte Ersatzteile, am Wochenende half er Nachbarn bei kleinen Reparaturen. Er hatte ein Händchen für Technik, die Hände wurden rau, das Köpfchen lernte viel Neues.

Annika hörte das Stück für Stück von den Eltern, die langsam nachgab. Vater Klaus erzählte manchmal stolz, dass Timo der Nachbarin das Auto repariert hatte. Mutter Ursula nannte ihn immer noch mein armer Sohn, doch ein Funken Respekt keimte.

Ein Jahr nach jenem Küchenstreit klopfte es an Annikas Tür. Sie öffnete und sah Timo, sonnengebräunt, mit einem Blumenstrauß in der Hand.

Hallo, sagte er. Darf ich reinkommen?

Annika ließ ihn passieren, sah zu, wie er die Blumen auf die Arbeitsplatte legte und auf denselben Stuhl setzte, den ihr Vater ein Jahr zuvor besetzt hatte.

Schöne Chrysanthemen, bemerkte Annika.

Danke. Er strich über die rauen Hände. Ich bin hier, um dir zu danken.

Wofür?

Dafür, dass du mir kein Geld gegeben hast.

Annika setzte sich ihm gegenüber.

Erzähl weiter.

Ich habe meine eigene Werkstatt eröffnet. Kleines Gewerbe in einer Garage, repariere Autos, verkaufe Ersatzteile. Verdiene gut. Den PorscheBesitzer habe ich schon längst ausgezahlt.

Glückwunsch, sagte sie.

Weißt du, hob er den Blick, ich hasste dich damals. Ich dachte, du seist geizig und böse. Ich verstand nicht, warum du meinem Bruder nicht helfen wolltest.

Und jetzt?

Jetzt verstehe ich. Wenn du mir Geld gegeben hättest, hätte ich weiter zu Hause gesessen und darauf gewartet, dass die Eltern meine Probleme lösen. Stattdessen musste ich erwachsen werden.

War es hart?

Unvorstellbar hart, gestand er ehrlich. Die ersten Monate dachte ich jeden Tag ans Aufgeben. Für ein paar Euros arbeiten, in einer fremden WG wohnen, sparen beim Essen Aber dann fand ich Spaß an der Arbeit, am Zerlegen, am Reparieren.

Kümmern sich die Eltern nicht mehr?

Mama erzählt jetzt jedem, dass ihr Sohn Unternehmer ist, grinste Timo. Papa schaut ab und zu in die Werkstatt, hilft mit. Er ist stolz.

Sie saßen schweigend da, sahen sich an. Timo wirkte älter als seine sechsundzwanzig Jahre, aber in guter Weise. Selbstbewusstsein und Ruhe lagen in seinem Blick.

Anna, sagte er schließlich, ich verdiene keine Verzeihung. Ich war jahrelang eine Last für alle

Timo, unterbrach ihn Annika, du warst keine Last, du warst ein verwöhnter Junge. Das ist nicht dasselbe.

Vielleicht. Aber ich bin kein Junge mehr.

Kein Junge mehr.

Timo stand auf, ging zum Fenster, dieselbe regnerische Herbstnacht wie vor einem Jahr.

Weißt du, was das Seltsamste ist?, sagte er, ohne sich umzudrehen. Ich bin glücklicher. Ich lebe besser, habe mehr Geld, mehr Verantwortung, aber ich bin glücklicher. Verstehst du?

Ja. Wenn du das Geld selbst verdienst, gibst du es anders aus. Wenn du deine Probleme selbst löst, erscheinen sie nicht mehr unüberwindbar.

Genau. Und ich habe eine Freundin, Katja. Sie arbeitet bei der Sparkasse, ernsthaft und erwachsen. Wir wollen zusammenziehen.

Herzlichen Glückwunsch.

Danke. Er drehte sich zu ihr. Anna, darf ich jetzt ab und zu bei dir vorbeischauen? Einfach nur reden. Ich habe dich vermisst.

Natürlich.

Sie umarmten sich fest, wie früher, als es noch keine Autos, keine Schulden und keine Vorwürfe gab.

Übrigens, ich habe jetzt auch ein Auto, fügte Timo hinzu und zeigte auf eine reparierte, alte Toyota, die er selbst wieder flott gemacht hatte.

Was für ein Kerl, lachte Annika.

Das hast du mir zu verdanken, meinte er. Dass du mir nicht das Geld gegeben hast, um für immer Kind zu bleiben.

Nachdem er gegangen war, saß Annika noch lange an der Küche, betrachtete die Chrysanthemen. Sie dufteten nach Herbst, gelb und kräftig. Sie dachte darüber nach, wie Liebe zu den Angehörigen oft Schmerzen verursacht. Wie schwer es ist, ein Nein zu sagen, wenn man um Hilfe gebeten wird. Und wie wichtig es manchmal ist, ein Nein zu geben, damit das Gegenüber Ja zu sich selbst sagen kann.

Draußen fiel der Regen weiter, doch jetzt wirkte er erfrischend, wusch alte Groll und Kindheitsillusionen fort und bereitete den Boden für etwas Neues, Erwachsenes, Echtes.

Annika stellte die Blumen in eine Vase, schaltete den Wasserkocher ein. Morgen würde ein neuer Tag beginnen, und sie war einfach nur froh, einen echten Bruder zu haben einen erwachsenen Bruder, der jetzt seine Probleme selbst löst und sogar Blumen schenkt.

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— Tochter, wir haben beschlossen, dein Auto zu verkaufen, dein Bruder hat Probleme, und du kannst auch mal zu Fuß gehen — doch die Eltern hatten nicht mit der Antwort ihrer Tochter gerechnet.
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