Liebes Tagebuch,
heute war ein Tag, an dem ich mich kaum aus den Beinen halten konnte ich hatte mir beim Treppensteigen in die Klinik in Berlin das Knie verdreht und hob mich fast wie ein umgestürzter Hase. Kaum setzte ich einen Fuß vor den anderen, schoss ein glatzköpfiger Herr, den ich erst später als Andreas kennenlernte, blitzschnell vorbei und war schon beim Arzt. Ich ließ mich auf den Stuhl fallen, völlig erschöpft, und flüsterte vor Ärger: Typisch, die Männer lassen nie nach. Neben mir hörte eine Frau das und murmelte: Er war heute schon zweimal hier, das Teil für die Prothese fehlt noch. Sie lachte und fügte hinzu: Andreas ist ein netter Kerl, aber das Leben hat ihm nicht gut getan sein Bein ist halb amputiert, seine Frau hat ihn verlassen, und er hat keine Kinder.
Kurz darauf kam ein leicht hinkender Mann aus dem Behandlungszimmer, strahlte und zwinkerte uns zu: Na, Mädels, noch ein bisschen leben? Dann stampfte er zur Tür. Ich musste über meine eigene Reaktion schmunzeln das Wort Mädchen passte nicht mehr zu mir.
Ich hatte früh geheiratet, mein Mann war zwölf Jahre älter. Laut Sternzeichen waren wir beide im Zeichen des Hundes, und er liebte Hunde über alles. Wir bekamen einen Dackel, den wir Gerd nannten, und kurz darauf erwartete mich die Schwangerschaft. Die Freunde staunten: Ihr habt alles Wohnung, Auto, Wochenendhaus, Hund, und bald ein Sohn. Doch im sechsten Monat kam es zum Abort, unser kleiner Junge war nicht mehr da. Mein Mann tröstete mich, dann sagte er: Wir sind nicht mehr die Jüngsten, dafür haben wir Gerd. Natürlich liebte ich den Hund, und wir fuhren oft zu Hundeausstellungen, doch ein Tier ersetzt kein Kind.
Auf einer dieser Ausstellungen traf mein Mann Andreas, der mit seiner Bekannten Lieselotte ebenfalls einen Dackel hatte. Andreas verkündete plötzlich, dass er und Lieselotte ein Kind erwarten: Sie ist jung, du bist alt. Lieselotte war etwa zwanzig Jahre jünger als Andreas, und plötzlich fühlte ich mich wie ein altes Haus, das langsam verfällt, obwohl ich erst 43 bin.
Eine Woche später war die Schwellung fast weg, und ich ging erneut zur Klinik. Dort stand derselbe glatzköpfige Mann in der Warteschlange. Er entschuldigte sich höflich: Entschuldigen Sie, ich habe mich vorgedrängt. Die Schwester rief: Nächster! Und plötzlich rief Andreas: Ich war schon hier, ich warte auf Sie, hübsche Anke. Er bot an, mich zu begleiten, weil ich noch hinkte.
Wir setzten uns in ein kleines Café um die Ecke preiswertes Gebäck und ein Stück Apfelkuchen, das Andreas sich ausgab, weil er noch nichts gefrühstückt hatte. Das Gespräch floss leicht, und er lud mich zu weiteren Treffen ein.
Einmal sagte er zu mir: Anke, ich habe Angst, dass mir wieder jemand weggeschoben wird, weil ich hinke und kahl bin, während du so schön und jung bist. Dann, fast im Flüsterton, fuhr er fort: Heirate mich. Ich habe eine Wohnung, Arbeit, bin ein starker Mann. Ich will den Rest meines Lebens mit dir teilen. Ich lachte und erwiderte: Du bist ein guter Kerl, ich sage ja.
Kurz nach der Hochzeit war ich schwanger etwas, das ich nie für möglich gehalten hatte, weil ich mich immer wie ein Opfer des Schicksals fühlte. Die Freude war riesengroß, als unser Sohn, den wir Sören nannten, geboren wurde. Sein lockiges Haar und die kleinen Hände erinnerten mich daran, dass das Leben manchmal einen völlig umdreht. Andreas strich über seinen kahlen Kopf und sagte: Früher war ich ein Blondschopf, jetzt bin ich hier, mit unserem kleinen König.
Ich drückte mich an ihn und dachte: Wenn wir uns nie getroffen hätten, gäbe es Sören nicht. Tränen stiegen mir in die Augen, aber diesmal waren es Tränen des Glücks. Andreas hielt mich fest und flüsterte: Du bist mein kleines Wunder. Ich wischte die Tränen weg, lächelte und dachte, dass ich zum ersten Mal seit Langem aus purer Freude weinte.
Heute, wenn ich an unser kleines Glück denke, wird mir klar, dass das größte Vermögen nicht das Geld in Euro ist, sondern die Kinder und die Liebe, die wir teilen.
Bis morgen,
AnkeWir spazieren nun Hand in Hand durch den nahegelegenen Stadtpark, genießen die warmen Frühlingsstrahlen und wissen, dass jeder kommende Tag unser gemeinsames Glück weiter beflügeln wird.







