Ich stand starr am Fenster, die dunkle Berliner Nacht drang durch das Glas. Meine Faust umklammerte ein halbleeres Glas Whisky, das Ticken der Wanduhr zerschnitt die Stille, jede Sekunde zog sich qualvoll dahin.
Sie kam zu spät. Viel zu spät.
Plötzlich durchbrachen Scheinwerfer die Straße. Ein schwarzer Audi hielt vor unserem Haus in der Schönhauser Allee. Mein Herz zog sich zusammen. Am Steuer ein großer, selbstsicherer Fremder.
Die Beifahrertür öffnete sich.
Und sie stieg aus.
Ein eiskalter Schauer fuhr durch meine Adern. Sie lächelte ein leichtes, natürliches, verschwörerisches Lächeln. Sie beugte sich zu ihm, flüsterte etwas, und er lachte leise, fast vertraulich.
Dann schloss sie die Tür und ging zurück ins Haus, völlig ahnungslos über das Unwetter, das in mir wütete.
Mein Blut kochte. Wer war dieser Mann? Wie lange schon? War das das erste Mal?
Sie öffnete die Tür, ließ ihre Handtasche lässig auf den Tisch fallen, als wäre nichts geschehen.
Wer war das?, fragte ich mit knapper, scharfer Stimme.
Sie erstarrte, sah mich überrascht an. Wie bitte?
Der Mann im Auto. Wer ist er?
Ein tiefer Seufzer entwich ihr, erschöpft. Thomas, nicht noch einmal Das war der Ehemann von Liesel. Er hat mich nach Hause gefahren, das war alles. Meinst du das ernst?
Ich hörte nichts mehr. Nur eine dumpfe Wut, ein brennendes Hitzegefühl im Kopf, ein Strom dunkler Gedanken.
Meine Hand hob sich von selbst.
Der Schlag hallte durch das Zimmer.
Sie sprang zurück, drückte die Hand an ihr Gesicht. Ein dünner Blutstropfen rann aus ihrer Nase.
Die Stille danach war unerträglich.
Sie starrte mich an, die Augen geweitet vor Angst.
Ein Knoten bildete sich in meiner Kehle.
Ich hatte die Grenze überschritten eine Linie, hinter der es kein Zurück mehr gab.
Sie schrie nicht, weinte nicht. Sie zog nur ihren Mantel an und verließ das Haus.
Am nächsten Morgen übergab mir ein Gerichtsvollzieher die Scheidungsunterlagen. Ich hatte alles verloren sogar meinen Sohn.
Ich habe deine Eifersucht jahrelang ertragen, sagte sie in unserem letzten Gespräch, ihre Stimme kalt wie Eis, aber Gewalt, das nie.
Ich flehte um Verzeihung, schwor, es sei ein einziger Fehltritt, nie wieder.
Sie hörte mir nicht zu.
Dann kam das Urteil: Vor dem Richter behauptete sie, ich würde unser Kind ebenfalls misshandeln.
Eine Lüge.
Ein bösartiges Gerücht, das mein Schicksal besiegelte.
Ich hatte nie seine Hand gehoben, nie laut gegen ihn geworden. Wer würde einem Mann glauben, der seine Frau bereits geschlagen hatte?
Der Richter zögerte keinen Moment. Sie bekam das alleinige Sorgerecht. Ich nur ein paar Stunden pro Woche, Besuch an einem neutralen Ort.
Keine Nächte mehr im Haus, kein Morgen, an dem ich ihm das Frühstück zubereiten konnte.
Sechs Monate beschränkten mein Leben auf diese kargen Stunden, in denen er lachend zu mir gerannt kam, seine kleinen Arme um meinen Hals gelegt.
Jedes Mal musste ich ihn wieder gehen sehen, immer wieder.
Dann, eines Tages, sagte er etwas, das mich erschütterte.
Die Wahrheit, die mein fünfjähriger Sohn mir offenbarte.
Er wuchs, verstand mehr.
An einem Nachmittag, während er seine Spielautos über den Tisch schob, flüsterte er unschuldig:
Papa, gestern war Mama nicht da. Da war eine Frau bei mir.
Mein Herz stockte.
Eine Frau? Welche Frau?, fragte ich, bemüht, ruhig zu bleiben.
Weiß ich nicht. Sie kommt, wenn Mama abends rausgeht.
Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Wo geht sie hin?
Er zuckte mit den Schultern. Sie sagt es mir nicht.
Meine Hände ballten sich.
Ich musste die Wahrheit wissen.
Als ich sie erfuhr, knötete sich mein Hals zusammen.
Sie hatte eine Kindermädchen engagiert.
Eine Fremde.
Während ich um jede Minute mit meinem Sohn kämpfte, gab sie ihn einer Unbekannten.
Ich griff nach meinem Handy und wählte ihr.
Warum lässt du eine Fremde unser Kind betreuen, wenn ich ja hier bin?
Ihre Stimme war kühl, gleichgültig. Weil es einfacher ist.
Einfacher?!, brüllte ich. Ich bin sein Vater! Wenn er nicht bei dir sein kann, muss er bei mir sein!
Sie seufzte. Thomas, ich muss nicht jedes Mal quer durch die Stadt fahren, wenn ich einen Termin habe. Hör auf, alles auf dich zu schieben.
Mein Telefon zitterte in meiner Hand.
Was blieb mir? Einen Rechtsstreit anzettreten? Um das Sorgerecht zu kämpfen?
Und wenn ich wieder verliere?
Ein einziger Fehltritt. Ein Moment der Schwäche. Und man nimmt mir alles.
Aber meinen Sohn?
Den lasse ich nicht gehen.
Ich werde kämpfen.
Denn er ist das Letzte, was mir bleibt.







