Die neue Frau meines Vaters räumte während meiner Arbeit all meine Mamas Sachen aus dem Haus!

Die neue Frau meines Vaters räumte alle Sachen meiner Mutter aus dem Haus, während ich im Büro war.
Verena, hörst du mir überhaupt zu? Ich frage doch, wann du den Bericht abgibst!
Was? Ach ja, entschuldige, Marlene. Bis Freitag ist alles fertig.
Bis Freitag? Heute ist schon Donnerstag! die Kollegin schüttelte missbilligend den Kopf. Du bist in letzter Zeit kaum da. Schon wieder wegen dieser Lydia?

Verena ballte die Fäuste unterm Schreibtisch. Schon der Name der neuen Frau ihres Vaters ließ ihr ein Kloß im Hals hochsteigen.
Ich will nicht darüber reden.
Und doch solltest du Marlene schob ihren Stuhl näher. Du musst ernsthaft mit deinem Vater sprechen. Er hat den Verstand verloren. Er hat diese mit ihr geheiratet nur ein halbes Jahr nach der Beerdigung deiner Mutter!

Acht Monate, korrigierte Verena reflexartig. Und mein Vater ist ein erwachsener Mann, er weiß, was er tut.
Genau das nicht! Männer in seinem Alter sind besonders verletzlich. Und diese Lydia ist jung, hat sicher schon ein Auge auf eure Wohnung geworfen.

Verena wollte widersprechen, aber innerlich wusste sie, dass Marlene recht hatte. Lydia war achtzehn Jahre jünger als ihr Vater. Sie hatten sich in der Hausarztpraxis kennengelernt, wo sie Krankenschwester war. Zu dieser Zeit fuhr ihr Vater noch seine Mutter zu Behandlungen.

Ich muss jetzt, verstaute Verena hastig die Unterlagen in die Tasche. Wir hatten doch vereinbart, dass ich heute früher gehen kann.
Geh, geh. Versprich nur, dass du anrufst, wenn was ist. Jederzeit.

Verena nickte und verließ das Büro. Im Flur prasselte ein feiner Herbstregen. Sie zog den Kragen ihrer Jacke hoch und eilte zur Haltestelle. Die Fahrt nach Hause dauerte zwanzig Minuten, danach noch fünf zu Fuß. Früher lebte sie mit den Eltern in einer Zweizimmerwohnung im dritten Stock eines alten Altbaus. Nach dem Tod ihrer Mutter wollte sie ausziehen, doch die Miete war zu hoch, das Gehalt zu gering ein Zimmer in Berlin kostete ein kleines Vermögen.

Ihr Vater hatte sie damals überredet zu bleiben.
Verena, lass mich nicht allein, hatte er gesagt. Ohne deine Mutter bin ich wie ein Blatt im Wind. Ich brauche dich hier.

Also blieb sie, kochte, putzte, wusch, versuchte die Lücke zu füllen, die ihre Mutter hinterlassen hatte. Und dann kam Lydia. Zuerst erwähnte ihr Vater nur eine freundliche Krankenschwester. Dann dauerte er länger bei Spaziergängen. Ein halbes Jahr später verkündete er, dass er heiraten wolle.

Verstehst du, meine Kleine, ich kann nicht allein sein. Ich brauche eine Frau an meiner Seite. Deine Mutter würde das verstehen.

Verena ließ keinen Streit entstehen, verließ schweigend das Zimmer und schloss die Tür. Sie weinte bis zum Morgengrauen in ihr Kopfkissen.

Die Hochzeit war bescheiden eigentlich gar nicht einmal. Sie waren nur stillschweigend verheiratet, Verena wurde nicht eingeladen. Sie erfuhr alles nachträglich, als ihr Vater Lydia mit Siegel im Pass nach Hause brachte.

Das ist meine Frau.

Lydia war hochgewachsene, blond gefärbte Schönheit mit knalliger Lippenstiftfarbe und langen, geschminkten Fingernägeln. Man könnte ihr dreißig bis fünfunddreißig Jahre aussehen lassen, obwohl ihr Vater behauptete, sie sei zweiundvierzig.

Hallo Verena, streckte sie die Hand aus. Ich hoffe, wir werden Freundinnen.

Verena ergriff die kalten Finger, ging in die Küche, wo im Eckregal Mamas Lieblingsbecher mit Rosen stand. Sie füllte sich Wasser ein, die Hände zitterten.

Anfangs verhielt sich Lydia vorsichtig, lächelte, erkundigte sich nach der Arbeit, bot Hilfe an. Verena antwortete distanziert, kurz. Sie konnte die Hast ihres Vaters nicht verzeihen. Die Mutter war erst kürzlich gestorben, und er hatte bereits eine neue Frau an seiner Seite.

Nach und nach richtete Lydia das Haus ein. Sie stellte das Schlafzimmer um, wechselte Vorhänge im Wohnzimmer, kaufte ein neues Geschirrset und verstaute Mamas Lieblingssachen im Schrank.

Deine Mutter hatte Geschmack, sagte sie. Aber das ist jetzt Vergangenheit. Wir brauchen einen frischen Look.

Verena schwieg. Was hätte sie sagen können? Die Wohnung gehörte ihrem Vater, formal war sie dort niemand.

Ein Monat später begannen die Andeutungen.

Verena, du bist jetzt erwachsen, dreiunddreißig, du solltest dein eigenes Leben aufbauen. Und mit den Eltern zu wohnen du verstehst schon.
Das ist mein Zuhause, schnappte Verena zurück.
Dein Vaterhaus, korrigierte Lydia sanft. Und jetzt auch meines.

Ihr Vater mischte sich nicht ein. Er schritt durch die Wohnung mit einem seligen Lächeln, umarmte Lydia ständig an der Taille, nannte sie liebevoll. Verena erkannte ihn nicht mehr. Wo war der ernste, zurückhaltende Mann, der dreißig Jahre mit ihrer Mutter in Harmonie gelebt hatte?

Als Verena aus dem Bus stieg, beschleunigte sie ihren Schritt. Sie wollte schnell nach Hause, die nassen Schuhe ausziehen, einen heißen Tee trinken. Vielleicht war ihr Vater nicht mehr da er hatte gesagt, er besuche einen Freund. Dann könnte sie still in der Küche sitzen und an die Mutter denken.

Sie dachte jeden Tag an sie: an die Kohlkuchen, die sie backte, an die abendlichen Vorlesestunden, das sanfte Streicheln ihres Hauptes und das Versprechen, alles wird gut werden. Auch wenn die Ärzte nichts mehr versprachen, lächelte ihre Mutter.

Sei nicht traurig, mein Kind. Ich bin immer bei dir.

Verena schloss die Tür, zog die nassen Stiefel aus, hängte die Jacke auf und ging in ihr Zimmer.

Dort stand alles plötzlich anders. Der Raum wirkte leer, als hätte man das Herz herausgerissen. Das Bett, der Schrank, der Tisch am Fenster blieben, doch wo war Mamas Schmuckkästchen, das stets auf dem Nachttisch stand? Wo war das bestickte Täschchen, das sie noch vor Verenas Geburt gemacht hatte? Wo waren die gerahmten Fotos?

Verena stürzte zum Schrank, riss die Türen auf. Auf dem obersten Regal lag einst Mamas blaue Schärpe, ein Geschenk ihres Vaters zum Hochzeitstag. Sie war weg.

Nein, nein, nein

Ihre Hände zitterten, als sie nach den übrigen Dingen suchte. Mamas Kittel, ihre Bücher, das Fotoalbum am tiefsten Ende des Schranks alles verschwunden.

Verena rannte den Flur hinunter, stürmte ins Elternschlafzimmer. Auch dort war alles ausgeräumt: Mamas Parfüm, ihr Kamm, die Kosmetiktasche, die Verena nie wegwerfen wollte.

Was geht hier vor? flüsterte sie.

Die Wohnungstür öffnete sich, Stimmen drangen herein.

endlich das Gerümpel losgeworden, sagte Lydia. Ich verstehe nicht, warum man die Sachen der Verstorbenen behalten soll. Das ist ungesunde Bindung.
Du hast recht, Liebling, antwortete ihr Vater. Wir müssen weitergehen.

Verena trat in den Flur, ihr Vater und Lydia standen am Kleiderständer, zogen Oberbekleidung ab. Sie sah Verena, Lydia lächelte.

Ach, Verena, du bist schon da. Wir haben nur aufgeräumt, solange du weg warst.
Wo sind Mamas Sachen? Verenas Stimme klang hohl.
Welche Sachen, Liebste?
Alles! Das Kästchen, die Fotos, die Bücher, die Kleidung! Wo ist das alles?

Lydia seufzte, als wäre es nur ein kleines Ärgernis.

Ich habe sie rausgebracht. Ein paar in die Kirche gegeben, den Rest weggeworfen. Verena, deine Mutter ist schon über ein Jahr tot. Es ist Zeit loszulassen.
Was hast du getan?!

Verena fühlte, wie der Boden unter ihr wegschmolz. Ihr Vater stand schweigend daneben, nur stumm blickend.

Papa, hast du das gehört? Sie hat Mamas Sachen weggeworfen!
Verena, schrei nicht, begann ihr Vater. Lydia hat recht. Man kann nicht in der Vergangenheit leben. Das ist ungesunde Bindung.
Ungesunde Bindung? Verena traute ihren Ohren nicht. Das ist die Erinnerung an meine Mutter! Das ist alles, was mir bleibt!
Du hast Erinnerungen, sagte Lydia sanft. Reichen die nicht?

Verena knirschte die Zähne.

Gib alles zurück! Sofort!
Das geht nicht. Der Container ist schon weg.
Welcher Container?
Der Müllcontainer, zuckte Lydia mit den Schultern. Darin war viel Krempel, alte Kleider, vergilbtes Papier. Ich habe nur ein paar Fotos behalten, die liegen noch im Schrank.

Verena trat näher, Lydia wich zurück.

Du hattest kein Recht, flüsterte Verena.
Ich bin hier die Herrin. Und ich habe das volle Recht zu entscheiden, was bleibt und was wegkommt.

Du bist keine Herrin! Du bist fremd! Verenas Stimme zerbrach zu einem Schrei.

Verena! ihr Vater erhob zum ersten Mal die Stimme. Entschuldig dich sofort. Lydia ist meine Frau, du musst sie respektieren.

Respektieren? Die, die Mamas Sachen weggeworfen hat?

Deine Mutter ist tot, sagte ihr Vater hart. Akzeptiere das.

Wie kannst du das sagen? Ihr wart ja erst seit einem Jahr verheiratet! Sie hat mich geboren! Sie

Genug, schlug ihr Vater die Hand ab. Ich habe die Nase voll. Von deinen ständigen Vorwürfen, deinem Schweigen, deinem Blick auf Lydia. Ich habe das Recht glücklich zu sein.

Auf Kosten der Erinnerung an meine Mutter?

Erinnerung hat hier nichts zu suchen. Ich liebe Lydia. Ich will mit ihr leben. Und wenn dir das nicht passt

Er ließ den Satz im Raum hängen, Verena verstand sofort.

Gut, sagte sie. Ich ziehe aus.

Verena, warte, versuchte Lydia zu intervenieren. Niemand wirft dich raus. Wir können Regeln aufstellen. Das ist unser Haus, das Haus deines Vaters und meines. Du kannst hier wohnen, musst aber unsere Grenzen achten.

Welche Grenzen? fragte Verena müde.
Zum Beispiel nicht unser Schlafzimmer betreten, meine Sachen nicht anfassen, kein Museum für Mamas Erinnerungen hier einrichten.

Verena sah zu ihrem Vater, er wich ihrem Blick aus.

In Ordnung, sagte sie. Wie du willst.

Sie ging zurück in ihr Zimmer, schlug die Tür zu, setzte sich aufs Bett, umklammerte den Kopf mit den Händen. Tränen wollten kommen, aber es war nur Leere kalte, alles verzehrende Leere.

Mamas Sachen, alles was blieb, alles, was ihren Griff noch nach dem Geruch und der Präsenz ihrer Mutter verlangte: das Kästchen, das sie jeden Abend öffnete, um Mamas Ringe und Broschen zu holen, das Album, das die gemeinsamen Ausflüge zur Havel, Geburtstagsfeiern, Sonntags Spaziergänge im Park festhielt. Alles war weg, wie Müll.

Verena stand, ging zum Fenster. Draußen war es dunkel, wenige Passanten hasteten nach Hause, suchten Schutz unter Regenschirmen. Irgendwo auf der Müllkippe, im Container, lagen Mamas Sachen vermischt mit Abfällen.

Es klopfte an der Tür.

Verena, darf ich? ihr Vater.

Sie antwortete nicht. Die Tür öffnete sich ein Stück, ihr Vater trat ein.

Kleine, lass uns reden.

Worüber? fragte Verena, ohne sich umzudrehen.

Lydia will das Haus nur schöner machen.

Indem du alles wegwirfst, was an meine Mutter erinnert?

Ihr Vater seufzte.

Verena, ich weiß, es ist schwer. Mir ging es auch nicht leicht. Aber das Leben geht weiter. Ich habe Lydia kennengelernt, sie gibt mir das Gefühl, wieder zu leben. Ist das schlecht?

Und meine Mutter? Hast du sie vergessen?

Nein, ich erinnere mich an Nadja, an jeden Tag mit ihr. Aber sie kommt nicht zurück. Ich kann nicht den Rest meines Lebens trauern.

Verena drehte sich um, ihr Vater stand im Türrahmen, gebeugt, 65, aber jünger wirkte. Lydia schien ihm neue Kraft zu geben.

Papa, ich habe nichts gegen dein Glück. Aber warum musstest du die Erinnerung an meine Mutter zerstören?

Lydia hat die Erinnerung nicht zerstört. Sie hat nur das weggeräumt, was uns zurückhielt.

Was uns zurückhielt, du?

Verena, bitte gib uns eine Chance. Gib Lydia die Möglichkeit, zu zeigen, dass sie ein guter Mensch ist.

Gute Menschen werfen fremde Sachen ohne zu fragen weg.

Ihr Vater schüttelte den Kopf.

Du bist stur wie deine Mutter. Nadja war auch stets eigensinnig.

Er ging, schloss leise die Tür. Verena öffnete den Schrank und fand drei Fotos in einer Plastikfolie: ein Hochzeitsbild, ein Bild mit Verena als Baby, ein Bild ihrer Mutter im Garten, lachend mit Strohhut. Drei Fotos von hundert.

Sie griff zum Telefon und rief Marlene an.

Kann ich bei dir übernachten?
Was ist passiert? Marlene wurde sofort besorgt.
Ich erzähle dir, wenn ich da bin.

Verena packte schnell eine Tasche, nahm die drei Fotos, wechselseitige Kleidung und ihre Kosmetiktasche. Sie verließ das Zimmer. In der Küche saßen ihr Vater und Lydia und tranken Tee, Lydia redete lebhaft, ihr Vater nickte.

Ich gehe für ein paar Tage, sagte Verena.
Wohin? ihr Vater drehte sich um.
Zu einer Freundin.

Verena, mach keinen Unsinn, versuchte Lydia einzuwerfen. Wir streiten uns, das gibt es ja auch. Lass uns einfach neu anfangen.

Neu anfangen? Verena lächelte bitter. Du hast die Erinnerung an meine Mutter weggeworfen. Wie willst du das vergessen?

Es waren nur Sachen!

Für dich nur Sachen. Für mich das Letzte, was mich an meine Mutter erinnert.

Du hast Erinnerungen, wiederholte Lydia. Reichen die nicht?

Nicht genug, sagte Verena fest. Es reicht nicht.

Sie ging aus der Wohnung, ohne Abschied. Der Regen wurde stärker, sie ging schnell, achtete nicht mehr auf die Tropfen, die vom Himmel fielen. Marlene wohnte nur fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt. Früher besuchten sie sich oft, doch nach der Krankheit der Mutter war Verena kaum noch rausgekommen.

Marlene öffnete die Tür, als wäre sie schon gewartet.

Ach du meine Güte, du bist ganz nass! Zieh sofort die Jacke aus, ich bringe dir ein Handtuch.

Verena trat ein. Es war warm, gemütlich, roch nach frischem Gebäck. Auf dem Sofa lag ein dicker rotbrauner Kater.

Hier, trockne dich, reichte Marlene ein Handtuch. Erzähl, was passiert ist.

Verena erzählte. Marlene lauschte, ihr Gesicht wurde nachdenklich.

Sie ist doch völlig verrückt? rief die Freundin aus, als Verena endete. Wer wirft fremde Sachen weg?

Sie meint, sie sei die Herrin.

Und dein Vater?

Er hat sie unterstützt. Er sagte, man müsse die Vergangenheit loslassen.

Marlene fluchte leise.

Hast du schon versucht, bei der Müllabfuhr nachzufragen?

Heute Nachmittag, glaube ich. Lydia sagte, der Container sei schon weg.

Und hast du bei der Deponie angerufen?

Verena schüttelte den Kopf.

Lass uns probieren, Marlene griff zum Telefon. Wie heißt eure Hausverwaltung?

Wohnservice, glaube ich.

Marlene wählte, musste lange warten, bis ein Mitarbeiter durchkam.

Guten Tag, sind die Container vom Lindenweg, Haus 32 schon abgeholt? Ja, heute Mittag. Wohin? Zur Deponie. Können wir etwas nachforschen? Nein, dort ist alles vermischt.

Sie legte auf, sah Verena an.

Es ist weg. Alles ist dort vermischt.

Verena nickte. Sie hatte das schon geahnt.

Nichts, sagte Marlene undVerena wusste, dass sie nun ihr eigenes Leben neu aufbauen musste.

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