Liebes Tagebuch,
heute erwachte ich mit einem dröhnenden Gefühl im Magen das stetige Knurren des Hungers, das schon seit Tagen mein Zuhause beherrscht. Als ich Andreas leise fragte: Mama gibt es heute überhaupt etwas zu essen?, zitterte meine Stimme wie ein dünnes Blatt im Herbstwind. Seine großen, hoffnungsvollen Augen suchten eine Antwort in meinem Blick, der schmerzte mehr als sein leerer Bauch.
Nein, mein Schatz, heute nichts, flüsterte ich, während ich ihn fest in meine Arme zog, als könnte ich ihn vor der Kälte der Welt schützen. Vielleicht finden wir unterwegs etwas. In diesem Moment brach er in Tränen aus, und ich spürte, wie die Kälte des Hauses und die des Außenlebens mein Herz zusammendrückten. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben, jeder Schritt ein Versuch, nicht zu fallen.
Außerhalb ist alles grau und erschöpft: alte Mietshäuser mit abgeblätterten Fassaden, zerbrochene Zäune, schmutzige Fenster alles wirkt müde, genau wie wir. Neben einem schiefen Laternenmast steht Friedrich, ein alter Freund, sein Blick leer.
Liselotte, wie lange willst du diese Not noch ertragen? fragte er bitter.
Solange Andreas mich braucht, antwortete ich ruhig, doch in meiner Stimme lag ein klagender Ton. Wenn ich aufgebe, bleibt ihm keine Zukunft.
Der Weg zum Wochenmarkt war beschwerlich. Nachbarn warfen skeptische Blicke, Kinder weinten vor Hunger, herrenlose Hunde durchwühlten die Mülltonnen. An einer Ecke saß ein Mädchen in zerschlissenen Kleidern, zitternd vor Kälte. Ich hielt inne, zog ein paar Bündel Petersilie und ein gekochtes Ei aus meiner Tasche. Das Mädchen schluchzte leise, und ihr Schmerz wurde zu meinem eigenen.
Danke ich weiß nicht, wie ich dir danken soll, flüsterte sie.
Mach dir nichts draus. Pass nur gut auf dich auf, sagte ich und wischte mir eine Träne ab.
Auf dem Markt drängten sich die Menschen, kauften nur das Nötigste. Der kalte Wind durchdrang meinen dünnen Pullover, meine Hände glitten. Plötzlich bemerkte ich ein lose liegendes Blatt Papier am Wegesrand eine Räumungsanzeige. Mein Herz sank. Wenn wir nicht binnen zwei Tagen zahlen, stehen wir auf der Straße.
Nein wir dürfen nicht alles verlieren, murmelte ich, das Schreiben fest umklammert, als wäre es das letzte Stück Hoffnung.
Auf dem Rückweg hielt mich ein Nachbar auf.
Liselotte, du kannst hier nicht weiterleben, ohne zu zahlen. Ich kann dich nicht ewig unterstützen.
Ich weiß ich suche Arbeit, versuche, etwas zu verdienen, erwiderte ich.
Beeil dich. Morgen musst du ausziehen.
Der Abend drang kalt bis in die Bettdecke. Ich hielt Andreas an mich, um ihn zu wärmen, doch mein eigener Körper zitterte. Er schlief mit Tränen auf den Wangen, während ich im Dunkeln lag, unfähig zu schlafen vor Angst.
Am nächsten Tag war die Verzweiflung unerträglich. Der Vermieter drohte, am Morgen zu kommen, doch das Geld war völlig weg. Ich verkaufte, was ich konnte, doch das gesammelte Geld reichte kaum für ein Brot.
Liselotte, was jetzt? fragte Friedrich, der gekommen war, um zu helfen.
Wir werden um Hilfe bitten nur dass sie uns nicht abwenden, flüsterte ich, senkte den Blick.
In dieser Nacht schlief ich hungrig, frierend, ausgepowert. In meinem Traum stand ein Haus ohne Wände und ein Kind streckte mir die Hände entgegen, doch ich konnte es nicht erreichen.
Ich gab nicht auf. Am Morgen machte ich mich auf die Suche nach Arbeit fegte Höfe, verkaufte Gemüse, putzte bei Nachbarn. Die Tage verschwammen in Müdigkeit, doch jeder Cent, den ich in die alte MargareteKaffeetasse steckte, war ein kleines Licht der Hoffnung.
Andreas wuchs neben mir auf, beobachtete alles. In der Schule wurde er wegen seiner abgetragenen Kleidung und seiner alten Hefte gehänselt. Ich lehrte ihn, nach oben zu schauen:
Andreas, hör nicht auf das Gerede. Der Wert eines Menschen liegt nicht darin, was er besitzt, sondern darin, was er gibt.
Jahre vergingen. Andreas lernte eifrig, ergriff jede Chance. Mit mickrigen Nebenjobs bezahlte er Nachhilfe, lernte Englisch, Mathematik, las bis spät in die Nacht. Ich stand ihm bei, selbst wenn meine Beine vom Erschöpfen kaum mehr standen.
Als er das erste Mal bei einer Olympiade gewann, weinten meine Augen vor Freude ein erster Lichtstrahl nach langer Dunkelheit. Doch der Kampf ging weiter. Die Universität verlangte Geld, der Weg forderte Kraft. Andreas jobbte, um Bücher, Fahrscheine, alles Nötige zu bezahlen.
Es war schwer: strenge Professoren, gleichgültige Menschen, schlaflose Nächte. Doch er gab nicht auf. Nach jedem Fall stand er wieder auf, lernte, seine Angst zu zähmen. Währenddessen schickte ich Pakete, Briefe, kleine Summen ich lebte nur für ihn.
Jahre später schloss Andreas sein Studium mit Auszeichnung ab, erhielt ein Stipendium im Ausland. Es schmerzte, ihn gehen zu lassen, doch mein Herz flüsterte: Jetzt kann er fliegen.
Er kehrte zurück verändert, selbstbewusst, erfolgreich. Er gründete ein Unternehmen, half anderen, vergaß aber nie, woher er kam.
Eines Tages nahm er meine Hände:
Mama alles, was ich habe, verdanke ich dir.
Tränen stiegen in meine Augen.
Ich habe nur das getan, was eine Mutter tun muss, hauchte ich.
Er reichte mir die Schlüssel zu einem neuen Haus warm, hell, ohne Angst und Kälte.
Hier, Mama, wirst du nie wieder frieren. Das ist dein Zuhause.
Ich setzte mich auf die weiche Couch, sah den Raum, spürte Frieden. Nach all den Jahren des Kampfes kehrte endlich Wärme zurück. In den Augen meines Sohnes sah ich die höchste Belohnung Dankbarkeit.
Ich liebe dich, Mama, sagte Andreas.
Und ich dich, mein Sohn, lächelte ich. Ich bin stolzer auf dich als auf alles andere.
Aus der Asche unseres Leids erwächst Hoffnung. Mutterliebe rettete nicht nur ein Kind, sie formte einen Menschen. Und selbst in den finstersten Tagen bewies sie: Das wahre Licht wohnt in denen, die niemals aufgeben.







