Andrej, setz dir die Mütze auf, mein Sohn, es ist draußen kalt!

Andreas, zieh dir die Mütze an, mein Junge, draußen ist es kalt!
Mach dir keine Sorgen, Mama, ich friere nicht in den Alpen, das kriege ich schon hin!
So klangen seine letzten Worte, bevor er abreiste.

Andreas stieg in den Bus nach Berlin, und von dort ging die Reise weiter, über den Atlantik nach Kanada. Er versprach, in zwei Jahren zurückzukehren. Zwölf Jahre vergingen.

Margarete, seine Mutter, blieb im alten Fachwerkhaus am Rande des Dorfes. Die gleichen Vorhänge, der gleiche Ofen, der gleiche Teppich, den sie noch als junge Frau geknüpft hatte. An der Wand hing ein Foto von Andreas in seinem Absolventenmantel, darunter eine vergilbte Notiz: Ich komme bald zurück, Mama. Versprochen.

Jeden Sonntag zog Margarete ein frisches Kopftuch an und ging zur Post. Sie schrieb Briefe selbst wenn sie wusste, dass keine Antwort kommen würde. Sie erzählte vom Garten, vom harten Winter, von der Kuh des Nachbarn. Und stets schloss sie mit denselben Worten: Pass gut auf dich auf, mein Sohn. Mama liebt dich.

Manchmal klang die Stimme des Postboten mitfühlend: Frau Margarete, Kanada ist doch weit nicht jeder Brief schafft die Reise.
Ach, das macht nichts, Kind. Wenn die Post nicht liefert, findet Gott seinen Weg.

Die Jahre zogen ins Land. Die Frühlinge wichen den Herbsten, und Margarete alterte leise, wie eine Kerze, die ohne Flamme verglüht. Jeden Abend, wenn sie die Lampe auslöschte, flüsterte sie: Gute Nacht, Andreas. Mama liebt dich.

Im Dezember kam ein Brief nicht von ihm, sondern von einer fremden Frau.
Sehr geehrte Frau Margarete,
mein Name ist Elisa, ich bin Andreas Ehefrau. Er hat oft von Ihnen gesprochen, doch ich wagte es lange nicht, Ihnen zu schreiben. Verzeihen Sie die späte Nachricht Andreas war krank. Er kämpfte, so lange er konnte, und ging dann friedlich er hielt Ihr Foto in der Hand. In seinem letzten Atemzug sagte er: Richte meiner Mutter aus, dass ich nach Hause gehe. Ich habe sie immer vermisst.
Ich sende Ihnen eine Kiste mit seinen Dingen.
In Liebe,
Elisa.

Margarete las den Brief schweigend, setzte sich vor den Ofen, starrte lange ins Feuer und sprach kein Wort. Am nächsten Tag sahen die Nachbarn, wie sie die Kiste nach Hause trug. Vorsichtig öffnete sie sie, als fürchtete sie, den Schmerz noch einmal zu spüren.

Drinnen lagen:
ein blaues Hemd,
ein kleines Notizbuch,
und ein Umschlag mit der Aufschrift: Für Mama.

Zitternd schlug sie den Brief auf. Das Papier roch nach fernen Wintern und fernem Kummer.
Mama,
wenn du das hier liest, habe ich es nicht mehr geschafft. Ich habe gearbeitet, Geld gesammelt, doch das Wichtigste vergaß ich Zeit lässt sich nicht kaufen. Jeden Morgen, wenn Schnee fiel, dachte ich an dich. Ich hörte deine Stimme und den Duft von Sauerkraut. Vielleicht war ich nicht der beste Sohn, doch wisse, ich liebte dich immer, still und tief. In die Brusttasche meines Hemdes habe ich ein Stück Erde aus unserem Garten gelegt. Es bleibt immer bei mir. Wenn es mir schwer fällt, denke ich an dich und höre dich sagen: Ertrage es, mein Sohn, es geht vorbei. Sollte ich nicht zurückkehren, weine nicht. Ich bin bei dir im Wind, in den Träumen, in der Stille. Ich bin schon zu Hause, Mama. Nur die Tür musst du nicht mehr öffnen.
In Liebe,
dein Andreas.

Margarete drückte den Brief an ihr Herz, weinte leise, ohne lautes Schluchzen wie Mütter, die keinen Sohn mehr erwarten, aber dennoch jemanden lieben. Sie wusch das Hemd, trocknete es, bügelte es und hängte es über den Rücken seines Stuhls am Esstisch. Seit diesem Tag aß sie nie wieder allein.

Eines Februarnachts fand die Postbotin ihn schlafend im Sessel. In seiner Hand ein Brief, auf dem Tisch eine Tasse warmer Tee. Auf seinem Gesicht ein friedliches Lächeln. Neben dem Stuhl lag das blaue Hemd, als umarmte es sie. Man sagt, in dieser Nacht legte im Dorf der Wind zur Ruhe. Kein Bellen, kein Singen, kein Geräusch. Das Dorf schwieg, als wäre jemand endlich nach Hause zurückgekehrt. Und vielleicht war es so. Vielleicht hielt Andreas sein Wort. Vielleicht kam er zurück nur anders. Denn manche Versprechen sterben nie. Sie erfüllen sich leise, zwischen Schnee und Tränen. Denn ein Zuhause ist nicht immer nur ein Ort. Manchmal ist es ein Wiedersehen, das ein ganzes Leben wartet.

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Andrej, setz dir die Mütze auf, mein Sohn, es ist draußen kalt!
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