Ein Abend nur für dich

6. November 2024

Heute war ein eigentümlich dunkler Abend, als ich nach Hause ging. Die Straße lag im Zwielicht, Pfützen, halb von heruntergefallenen Eichenblättern bedeckt, spiegelten das fahle Licht der wenigen Laternen wider. Der späte Herbst in Hamburg lässt kaum einen gemütlichen Spaziergang zu: ein durchdringender Wind blies mir bis in die Knochen, und die Häuser standen still und gleichgültig da, als wollten sie mich nicht bemerken. Ich setzte schneller Schritte, als wollte ich etwas hinter mir lassen, das seit dem Morgen über mir hing. Morgen ist mein Geburtstag ein Datum, das ich stets zu übersehen versuchte.

Ein vertrautes Spannungsgefühl wuchs in mir: kein freudiges Aufgeregtsein, sondern etwas zähes und schweres, als hätte sich ein Knoten in meiner Brust gebildet. Jedes Jahr dasselbe: förmliche Glückwünsche, kurze Anrufe von Kollegen, höfliche Lächeln. Es fühlt sich an wie ein fremdes Schauspiel, in dem ich die Rolle des Ehrengastes spielen muss, obwohl ich mich längst nicht mehr so fühle.

Früher war das anders. Als Kind wachte ich früh auf und zählte die Stunden bis zu diesem Tag, träumte von einem kleinen Wunder dem Duft von selbstgebackenem Rührkuchen, das Rascheln von Geschenkpapier, die warme Stimme meiner Mutter und das laute Getöse der Gäste am Tisch. Dann wurden die Glückwünsche wirklich ausgesprochen, begleitet von ehrlichem Lachen und dem geschäftigen Treiben um den Tisch. Heute kommen diese Erinnerungen nur selten, und sie hinterlassen immer ein leichtes Ziehen.

Als ich die Wohnungstür öffnete, schlug mir die feuchte Luft noch stärker ins Gesicht. Im Flur herrschte das übliche Chaos: ein nasser Regenschirm lehnte an der Wand, Jacken hingen lose an den Haken. Ich zog die Schuhe aus und blieb einen Moment vor dem Spiegel stehen; mein Gesicht zeigte die Erschöpfung der letzten Wochen und etwas Unaussprechliches eine leise Traurigkeit über das verlorene Festtagsgefühl.

Bist du schon da? rief meine Frau Heike aus der Küche, bevor ich antworten konnte.

Ja, murmelte ich.

Wir haben uns an diese kurzen Abenddialoge gewöhnt: jeder beschäftigt sich mit seiner Sache, wir begegnen uns nur beim Abendessen oder bei einer Tasse Tee vor dem Schlafengehen. Das Familienleben läuft wie ein gut geöltes, wenn auch etwas langweiliges Zahnrad.

Ich zog meine Hausschuhe an und ging in die Küche, wo frisch gebackenes Roggenbrot duftete und Heike Gemüse für den Salat schnitt.

Wird morgen viel Besuch kommen? fragte ich fast ohne Stimme.

Wie immer: Du magst doch keine lauten Runden Vielleicht bleiben wir zu dritt? Lad deinen Freund Dieter ein.

Ich nickte stumm und goss mir Tee ein. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken: Heike hatte recht warum ein Fest nur um der Formalität willen zelebrieren? Doch etwas in mir protestierte gegen diese erwachsene Sparsamkeit an Gefühlen.

Der Abend zog sich zäh hin; ich scrollte durch Nachrichten auf meinem Handy, versuchte, die lästigen Gedanken an den morgigen Tag zu verdrängen. Trotzdem kehrte immer wieder die Frage zurück: Warum ist das Fest zur bloßen Formalität geworden? Warum ist die Freude verschwunden?

Am Morgen wurde ich von einem endlosen Strom an Benachrichtigungen aus den Arbeitsgruppen geweckt; Kollegen schickten die üblichen Glückwünsche mit Stickern und GIFs Alles Gute zum Geburtstag!. Einige wenige schickten etwas persönlichere Zeilen, doch alle Worte klangen fast gleich, bis zur Transparenz.

Ich antwortete reflexartig mit Danke! oder setzte ein Smiley. Das Gefühl der Leere wuchs: Ich wollte das Handy einfach weglegen und den eigenen Geburtstag bis zum nächsten Jahr vergessen.

Heike erhöhte die Lautstärke des Wasserkochers, um die Stille am Tisch zu übertönen.

Herzlichen Glückwunsch Wie wäre es, wenn wir heute Abend Pizza oder Sushi bestellen? Ich will nicht den ganzen Tag am Herd stehen.

Wie du willst murmelte ich, obwohl ein Ärger in meiner Stimme mitschwang. Ich bereute es sofort, erklärte aber nichts weiter. Innerlich brodelte eine Ohnmacht über mich selbst und die Welt zugleich.

Kurz vor Mittag klingelte Dieter:

Hey! Alles Gute zum Geburtstag! Treffen wir uns heute?

Ja komm nach Feierabend vorbei.

Super! Ich bringe etwas zum Tee mit.

Das Gespräch endete so schnell, wie es begann; ich spürte eine seltsame Müdigkeit von diesen kurzen Kontakten als würden sie nicht für mich, sondern nur aus Gewohnheit stattfinden.

Den ganzen Tag hing ich in einem halb bewussten Zustand; das Haus roch nach Kaffee, vermischt mit der Feuchtigkeit der nassen Jacken im Flur, während draußen weiter leise niederregnete. Beim Versuch, von zu Hause aus zu arbeiten, kehrten meine Gedanken immer wieder zu meiner Kindheit zurück: Damals war jeder Festtag ein Jahreshighlight; heute löst er sich in den Alltag wie ein weiteres Häkchen im Kalender.

Am Abend wurde mir klar: Ich will diese Leere nicht länger ertragen, nur um den Frieden der anderen zu wahren. Ich will nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung, weder vor Heike noch vor Dieter auch wenn es unangenehm oder albern klingt, meine Gefühle auszusprechen.

Als wir uns schließlich am Esstisch versammelten, trommelte der Regen laut gegen das Fensterbrett, als wolle er die Enge unseres kleinen Raumes betonen. Ich saß da, der Tee wurde kalt, und die Worte wollten nicht finden. Ich sah zuerst zu Heike sie lächelte müde über den Tisch hinweg dann zu Dieter, der mit dem Handy beschäftigt war und nur schwach im Takt der Musik nickte.

Dann brach ich das Schweigen:

Hört mal Ich muss etwas sagen.

Heike legte den Löffel beiseite; Dieter hob den Kopf vom Bildschirm.

Mir war immer zu komisch, einen Geburtstag nur aus Pflichtgefühl zu feiern Heute ist mir etwas anderes klar geworden.

Der Raum fiel plötzlich still, so dass sogar das Trommeln des Regens lauter wirkte.

Ich vermisse ein richtiges Fest das Gefühl aus meiner Kindheit, wenn man das ganze Jahr auf diesen Tag wartet und alles möglich scheint.

Mein Hals wurde trocken vor Aufregung.

Heike sah mich aufmerksam an:

Willst du das zurückholen?

Ich nickte kaum merklich.

Dieter grinste warm:

Jetzt verstehe ich, was du das ganze Mal wollte!

Ein leichter Schimmer kam in meine Brust.

Na dann, lass uns an das erinnern, was du einst über den Rührkuchen erzählt hast.

Heike stand ohne zu fragen zur Speisekammer. Es gab keinen Kuchen, kein Schlagobers, doch sie holte eine Packung einfache Butterkekse und ein Glas Kirschmarmelade. Ich musste lächeln der Versuch war unbeholfen, aber menschlich. Schnell stand ein Teller mit Keksen, ein kleines Gefäß Marmelade und eine Schale Kondensmilch bereit. Dieter machte ein spöttisches Gesicht:

Kuchen à la Schnellrezept! Und Kerzen?

Heike fischte eine halbe Bienenwachskerze aus einer Schublade, schnitt sie zurecht ein schiefes, aber echtes Stück. Wir steckten sie in den Kuchenberg aus Keksen. Ich betrachtete das bescheidene Gebilde und spürte ein Aufblitzen von Erwartung.

Musik?, fragte Dieter.

Kein Radio, lieber etwas von früher die Lieder, die meine Eltern hörten.

Dieter suchte sein Handy, Heike startete eine alte Playlist auf dem Laptop: Klänge aus den 80ern, die uns zurück in die Kindheit katapultierten, vermischten sich mit dem Regenklang. Es war komisch, wie Erwachsene plötzlich ein kleines Heimtheater für einen von uns aufführten. Doch die Fassade der üblichen Glückwünsche fiel weg. Jeder tat, was er am besten konnte: Heike goss den Tee in dicke Porzellantassen, Dieter klatschte ungeschickt im Takt, ich lächelte ohne Zwang.

Die Wohnung wurde wärmer. Die beschlagenen Fenster reflektierten das Lampenlicht und die nasse Straße draußen; der Regen trommelte weiter. Jetzt wirkte er nicht mehr wie ein Vorwurf, sondern als Hintergrund einer eigenen Wetterkulisse.

Erinnert ihr euch noch das Spiel Stille Post?, fragte Heike plötzlich.

Natürlich, ich hab immer verloren

Nicht, weil du schlecht warst! Wir haben einfach zu lange gelacht.

Wir probierten das Spiel am Tisch. Anfangs war es peinlich ein Erwachsener, der versucht, einen Känguru zu imitieren, während die beiden anderen zuschauen. Doch nach einer Minute verwandelte sich das Lachen in echtes Vergnügen: Dieter schwenkte die Hände, fast die Teetasse umstoßend, Heike kicherte leise, und ich ließ mich von einem ehrlichen Grinsen übernehmen.

Wir erzählten Geschichten von Kindergeburtstagen: Wer das Stück Kuchen unter der Serviette versteckte, um ein zweites Stück zu ergattern, wer das Porzellan der Mutter zerbrach und niemand schimpfte. Mit jedem Erinnerungsstück löste sich die schwere Wolke der Formalität, wuchs ein warmes, gemütliches Gefühl. Die Zeit hörte auf, ein Feind zu sein.

Plötzlich spürte ich das alte Kindheitsgefühl, dass an einem Abend alles möglich scheint. Ich sah Heike dankbar für ihre stille Fürsorge, erhaschte Dieters Blick voller Verständnis. Die Musik verstummte abrupt. Draußen zogen vereinzelte Autos vorbei, ihre Scheinwerfer schnitten durch den nassen Asphalt. Die Wohnung war ein Leuchtturm in der trüben Jahreszeit.

Heike goss noch einmal Tee:

Ich habs eben ein bisschen anders gemacht Aber das eigentliche Skript ist doch nicht das Wichtigste, oder?

Ich nickte stumm.

Ich erinnerte mich an meine morgendliche Angst, dass ein Fest nur enttäuschen könne. Jetzt wirkte das wie ein Missverständnis aus längst vergangenen Tagen. Niemand erwartete von mir perfekte Reaktionen oder dankbare Worte; keiner drängte mich zu einer Freude aus Pflicht.

Dieter holte ein altes Brettspiel aus dem Schrank:

Jetzt reisen wir zurück in die Vergangenheit!

Wir spielten bis spät, stritten über Regeln, lachten über alberne Züge. Der Regen klopfte beruhigend an die Scheiben.

Später saßen wir zu dritt schweigend im warmen Lampenlicht. Auf dem Tisch lagen Krümel von Keksen und ein leerer Marmeladenglas Spuren unseres kleinen Festmahls.

Ich begriff plötzlich, dass ich nichts mehr beweisen musste weder mir selbst noch anderen. Das Fest kam zurück, nicht weil jemand das perfekte Programm bastelte oder einen teuren Kuchen kaufte, sondern weil Menschen da waren, die wirklich zu hören bereit waren.

Danke, flüsterte ich zu Heike.

Sie lächelte nur mit den Augen.

In mir war Ruhe keine Aufregung, kein gezwungenes Glück. Nur das sichere Gefühl, am richtigen Ort mit den richtigen Menschen zu sein. Draußen lebte die nasse Stadt ihr eigenes Leben; drinnen war es warm und hell.

Ich stand auf, ging zum Fenster, sah die Pfützen, in denen das Licht der Laternen tanzte, der Regen floss gemächlich, als wäre er müde vom Kampf mit dem November. Ich dachte an das Kindheitswunder: Es war immer einfach, weil es von nahen Händen kam.

In dieser Nacht schlief ich leicht ein, ohne den Drang, den eigenen Geburtstag so schnell wie möglich zu vergessen.

Lehre des Tages: Ein Fest ist nicht das Datum, sondern die Menschen, die bereit sind, es mit echtem Herz zu feiern.

Оцените статью